Woher kommen die Frauen mit den deformierten Schädeln?

Auf Gräberfeldern des 4. bis 6. Jahrhunderts tauchen immer wieder v.a. Frauen mit absichtlich deformierten Schädeln auf. Diese Mode, kleinen Kindern den Kopf mit geschnürten Bandagen in eine längliche Wuchsform zu bringen, wird für das Frühmittelalter mit der Expansion der Hunnen in Verbindung gebracht.

Auch in bajuwarischen Friedhöfen findet sich diese Praxis. Damit stellt sich die Frage nach der Zusammensetzung und geographischen Herkunft dieser frühen germanischen Verbände.

Im BeFiM-Projekt werden neueste naturwissenschaftliche Methoden mit traditioneller archäologischer Arbeit in Museen und Archiven kombiniert, um die historischen Grundlagen der Bajuwaren und der Frauen mit den deformierten Schädeln zu erforschen.

Das Ende des Römischen Reiches

Der Übergang von der spätantiken zur mittelalterlichen Gesellschaft, der sich vom 4.bis zum 7. Jahrhundert in Europa vollzog, stellte grundlegende historische Weichen: Das römische Großreich, das Jahrhunderte lang die Funktion einer politischen Ordnungsmacht wahrgenommen hatte, löste sich im Westen auf und wich einer Vielfalt von Königreichen, die sich nur zum Teil auf ethnische Identitäten gründeten. Aus diesen entstanden schließlich die mittelalterlichen Reiche und damit die modernen Staaten. So ist die Ethnogenese, also die Entstehung fast alle Völker und Staaten, die Europa bis heute prägen, in dieser Zeit zu suchen.

Die Gegend zwischen der Iller, den Alpen und der Donau war der römischen Provinz Rätien zugeordnet. Nach dem Ende des römischen Reiches verließ das römische Militär in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts endgültig die Gegend nördlich der Alpen. Der Limes an Iller und Donau blieb allerdings auch danach noch eine zivilisatorische Grenze. Erst einige Generationen nach dem Untergang des Weströmischen Reiches verwischte sich der Gegensatz zwischen Barbaricum und römisch geprägter Welt.

Die Völkerwanderung

Die sogenannte Völkerwanderung ist eine spätantike Wanderbewegung überwiegend germanischer Völker, die durch den Einbruch der Hunnen in das östliche Mitteleuropa (375/376) ausgelöst wurde. Die moderne historische Forschung sieht allerdings den Begriff Völkerwanderung als irreführend: Völker als einheitliche, durch gemeinsame Abstammung definierte Großgruppen mag es so nie gegeben haben. In der neueren geschichtlichen Ethnogeneseforschung hat sich ein Paradigmenwechsel vom Volk zur „gens“ vollzogen, wobei die gentes als fluktuierende Traditionsgemeinschaften zu verstehen sind, deren Zusammenhalt auf politische Einrichtungen und kulturelle Überlieferung zurückzuführen sind.

In historischen Quellen werden Migrationsvorgänge der Völkerwanderungszeit häufig als Invasion von barbarischen Stämmen unter einem aristokratischen Führer beschrieben. Der Charakter dieser Wanderungen war allerdings von Fall zu Fall ganz unterschiedlich: Die Bewegung der Goten vom unteren Weichselraum und Pommern nach Südosten war eine allmähliche Expansion, in deren Verlauf über einen längeren Zeitraum hinweg ein Großteil der Bevölkerung das ursprüngliche Siedlungsgebiet verließ und sich anderswo ansiedelte, wo sie sich mit den Ortsansässigen vermischten. Die „Wanderungen“ Alarichs oder Thoederichs mit ihren Truppen waren hingegen gut geplante Heerzüge.

Die Bajuwaren

Im Jahr 551 werden die „Baibari“ erstmalig vom Historiker Jordanes erwähnt, wenig später (555) berichten Schriftquellen von einem ersten, vom Frankenkönig eingesetzten Herzog, in Baiern. Die ehemals römische Provinz Raetia II bildete fortan mit der Provinz NoricumRipense das Herzogtum Baiern, welches bis 788 von den Agilofingern beherrscht wurde.

Für das Auftauchen dieser Bajuwaren ist allerdings bis heute kein allgemein akzeptiertes Erklärungsmodell vorhanden. Sollte es das Resultat einer Stammesbildung, also einer Ethnogenese sein, müsste sie älter sein als die historisch überlieferte politische Ordnung und sich so zwischen der Auflösung des weströmischen Reiches und der Errichtung des Herzogtums durch die Franken vollzogen haben. Es wird allerdings auch diskutiert, dass die Entstehung der bajuwarischen Identität überhaupt erst durch die Errichtung des Herzogtums entstand, wobei der Begriff Bajuware unabhängig von der Herkunft sich auf die Gefolgsleute der neuen Herzogsfamilie bezogen haben könnte. Im alten Geschichtsbild ist aufgrund der Lebensbeschreibung des heiligen Severin durch Eugippus lange die Meinung vorherrschend gewesen, dass die Bewohner Raetiens nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft das Land verließen und dieses erst später von Zuwanderern aus den Gebieten nördlich der Donau neu besiedelt wurde. Archäologische Funde weisen allerdings klar darauf hin, dass von einer bajuwarischen Landnahme im Sinne der geschlossenen Einwanderung eines fertig ausgebildeten Stammes keine Rede sein kann. Schwerer tut sich die Archäologie hingegen mit der Frage nach einer Besiedlungskontinuität der römischen Bevölkerung in Bayern. Im Fundgut kann zwar das Ende der traditionell römischen Lebensweise in Bayern erkannt werden, was allerdings auch damit erklärt werden könnte, dass die Provinzialbevölkerung als Reaktion auf eine lang andauernde Krisensituation ihren Lebensstil radikal änderte, unter anderem durch die Übernahme neuer einfacherer Siedlungsformen und neuer Bestattungsweisen. Allerdings finden sich auch archäologische Objekte aus dem elbgermanischen, alamannischen, thügringischen, fränkischen und ostgotischen Raum in den frühmittelalterlichen Grablegen Bayerns, die auf eingewanderte Individuen hinweisen könnten. Auf mögliche Migranten könnten auch die bis heute in Altbayern gefundenen 28 frühmittelalterlichen artifiziell deformierten Schädel hinweisen.

Ab wann die historischen Einwohner dieses Landes sich selbst als Bajuwaren gefühlt haben, dürfte heute schwer zu belegen sein. Allerdings können die dazu führenden Migrationsbewegungen und die sich herausbildenden Sozialstrukturen zwischen dem Ende des römischen Reiches und während der Etablierung des ersten Herzogstums in diesem Projekt beleuchtet werden.

Anthropologie

Erster Schritt der anthropologischen Bearbeitung ist die morphologische Untersuchung der Skelette und damit das Erheben von Basisdaten wie z.B. Alter und Geschlecht oder Erkrankungen. So können Aussagen über die Lebensbedingungen der untersuchten Gemeinschaften gewonnen werden.

Isotope

Die isotopische Zusammensetzung von Knochen und Zähnen ermöglicht Rückschlüsse auf die Ernährung aber auch die geographische Herkunft der frühgeschichtlichen Personen. In diesem Projekt werden sowohl die Isotopensysteme von Sauerstoff und Strontium zur ökologischen bzw. geologischen Residenzeinordnung als auch von Kohlenstoff und Stickstoff zur Ernährungsrekonstruktion untersucht.

Palaeogenetik

Genetische Merkmale aus Skeletten beleuchten wesentliche Aspekte der bajuwarischen Bevölkerungsgeschichte. Mithilfe demographischer Modellierungen von genomweiten DNA Daten werden hierfür die zugrundeliegenden genealogischen Prozesse rekonstruiert. Dadurch erhält man Angaben zur genetischen Heterogenität der Bajuwaren, zu ihrer möglichen Herkunft oder auch der Bevölkerungsgröße. Nicht zuletzt wird man durch die DNA erfahren, woher die Frauen mit den deformierten Schädeln stammen.

Museum

Von archäologischer Seite wird die bajuwarische Sachkultur analysiert werden. Neben dem Vergleich der Beifunde der gleichzeitigen Individuen mit und ohne deformierten Schädel, wird dabei besonders die Lage der entsprechenden Gräber auf den einzelnen Gräberfeldern von Bedeutung sein. Möglicherweise lassen sich hier Aussagen über einen unterschiedlichen gesellschaftlichen oder sozialen Rang treffen. Um die zeitliche Einordnung auch der beigabenarmen und beigabenlosen Bestattungen abzusichern, werden Radiokohlenstoff (14C) Datierungen der ausgewählten Skelettserie angefertigt.

Partner

Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München, Dr. Michaela Harbeck

Die Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie ist die für archäologische Skelettfunde zuständige staatliche Einrichtung in Bayern. Ihr Magazin beherbergt rund 50.000 menschliche Überreste datierend vom Mesolithikum bis in die Neuzeit. Neben der der Aufgabe als Archiv, versteht sich die Anthropologische Staatssammlung als Forschungsinstitution für (prä-)historischen Anthropologie. Ein methodischer Schwerpunkt ist hier die morphologische Analyse von Skelettüberresten. Daneben steht aber in Kooperation mit den entsprechenden universitären Einrichtungen ein breites archäometrisches und molekulargenetisches Methodenspektrum zur Verfügung.

Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie, Karolinenplatz 2a, 80333 München, www. sapm.mwn.de, Tel: 089 5488 438 13,
E-Mail: M.Harbeck@lrz.uni-muenchen.de

Archäologische Staatssammlung München, Dr. Brigitte Haas-Gebhardt

Die 1885 gegründete Archäologische Staatssammlung München mit ihren fünf Abteilungen (Prähistorie, Römerzeit, Mittelalter/Neuzeit, Mittelmeersammlung, Numismatik) und zehn, über ganz Bayern verteilte Zweigmuseen sammelt als zentrales Museum archäologische Bodenfunde aus Bayern.

Zu ihren Kernaufgaben gehören die Restaurierung und langfristige Konservierung dieser Funde ebenso wie deren wissenschaftliche Erforschung sowie die Präsentation der erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse in Dauer- wie in Sonderausstellungen.

Archäologische Staatssammlung München, Lerchenfeldstr. 2, 80538 München, Tel: 089-21124-439
E-Mail: Brigitte.Haas-Gebhard@extern.lrz-muenchen.de

Forschungsgruppe Paläogenetik an der Johannes Gutenberg-Universität, Institut für Anthropologie, Prof. Joachim Burger

Die Arbeitsgruppe Palaeogenetik von Prof. Joachim Burger befasst sich mit der Populationsgenetik Europas und Zentralasiens. Sie benutzt genomische DNA-Daten aus archäologischen Skeletten und analysiert sie bioststatistisch, um prähistorische und historische Bevölkerungsgeschichte zu rekonstruieren.

AG Palaeogenetik, Institut für Anthropologie, Johannes Gutenberg-Universität, Anselm-Franz-von-Bentzel-Weg 7, D-55128 Mainz, 
Tel +49 6131 39-20981,
E-Mail: anthro2@uni-mainz.de

Anthropologie und Humangenetik, Arbeitsgruppe Anthropologie und Umweltgeschichte, Prof. Dr. Gisela Grupe, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Hauptaugenmerk der Arbeitsgruppe Anthropologie und Umweltgeschichte von Frau Prof. Grupe liegt in der Erforschung der Biodiversität anthropogener Ökosysteme. Humane archäologische Skelettüberreste dienen als empirische Quelle für die Rekonstruktion der über Zeit und Raum variierenden Mensch/ Umweltbeziehung. Ein methodischer Schwerpunkt liegt dabei auf der Analyse stabiler Isotope.

AG Anthropologie u Humangenetik, Department Biologie I, Biozentrum, Ludwig-Maximilian-Universität München, Großhaderner Str. 2, 82152 Planegg-Martinsried

Historisches Museum Regensburg, Dr. Andreas Boos

Das Historische Museum ist Teil der städtischen Amtes „Museen der Stadt Regensburg“ und beherbergt die archäologische und die kunst- und kulturgeschichtliche Sammlung mit Exponaten von der Altsteinzeit bis zum 20. Jahrhundert. Der für ein Regionalmuseum außergewöhnlich umfangreiche Bestand geht auf die archäologische und kunsthistorische Sammlung des bereits 1830 gegründeten Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg zurück, der 1933 der Stadt übergeben wurde. Wenige Jahre nach der Gründung des Museums 1931 wurde es zugleich Sitz des für die Oberpfalz zuständigen staatlichen Archäologen, so dass ebenso das seitdem geborgene Fundmaterial hauptsächlich hier verwahrt wurde. Auch nach dem Auszug der Regensburger Dienststelle des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege in den frühen 1970er Jahren konnte durch vertragliche Regelungen während der folgenden dreieinhalb Jahrzehnte der Verbleib der meisten Oberpfälzer Funde im städtischen Museum gesichert werden. Heutzutage stammt der Großteil der Einlieferungen aus der Stadt Regensburg bzw. aus der Arbeit der städtischen Bodendenkmalpflege, darunter auch das Fundmaterial aus den riesigen Flächengrabungen von Regensburg-Burgweinting.

Historisches Museum Regensburg, Dachauplatz 2-4, 93047 Regensburg, Tel: 0941 5072448,
E-Mail: Boos.Andreas@regensburg.de

Publikationen

Archäologie und Frühmittelalter

B. Haas-Gebhard,
Ein frühmittelalterliches Gräberfeld bei Dittenheim (D).
Europe Médiévale 1 (Montagnac 1998).

B. Haas-Gebhard, Unterhaching.
Eine Grabgruppe der Zeit um 500 n. Chr.
bei München. Abhandlungen und Bestandskataloge
der Archäologischen Staatssammlung München 1.
(München 2013).

A. Boos,
Burgen im Süden der Oberpfalz. Die früh- und
hochmittelalterlichen Befestigungen des Regensburger Umlandes.
Regensburger Studien und Quellen zur Kulturgeschichte 5.
(Regensburg 1998).

A. Boos,
Zur frühen slawischen Besiedlung der Oberpfalz.
In: P. Herz / P. Schmid / O. Stoll (Hg.),
Kontinuitäten und Diskontinuitäten.
Von der Keltenzeit bis zu den Bajuwaren.
Region im Umbruch 2 (Berlin 2010) 123–147.

Harbeck M, Seiler C, Hegerl S, Bauer G, Grupe (2013):
Eine eingewanderte Familie von hohem Rang? Anthropologische
Charakterisierung der frühmittelalterlichen Grablege
von Unterhaching im zeitgenössischen Kontext. In B. Haas-Gebhard
und H. Fehr (Hrsg.): Unterhaching eine Grabgruppe der Zeit um
500 n. Chr. Abhandlungen und Bestandskatalog der Archäologischen
Staatssammlung München 1:

Palaeogenetik

Harbeck M., Seifert L, Hänsch S, Wagner DM, Birdsell D,
Parise KL, Wiechmann I., GruppeG,Thomas A, Keim P, Zöller L,
Bramanti B, Riehm JM, Scholz HC (2013)
Yersinia pestis DNA from Skeletal Remains from the 6th century
AD reveals insights into Justinianic Plague. PLoSPathog 9(5): e1003349. doi:10.1371/journal.ppat.1003349

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Kirsanow K, and Burger J.2012.
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